Zeno-Karl-Schindler-Preis für deutsche Literaturwissenschaft

Der Zeno-Karl-Schindler-Preis für deutsche Literaturwissenschaft wird jeweils im Rahmen der SAGG-Mitgliederversammlung verliehen. Mit dem Preisgeld von 10'000 CHF soll eine junge Wissenschaftlerin oder ein junger Wissenschaftler vornehmlich aus der Schweiz Unterstützung finden, die oder der mit einer hervorragenden Leistung auf dem Gebiet der Literaturwissenschaft oder deren Vermittlung aufgefallen ist (z. B. durch eine Dissertation oder Habilitation) und dadurch ermutigt werden, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen.
In zwei von drei Jahren zeichnet die Jury – zusammengesetzt aus von der SAGG gewählten anerkannten Forscherpersönlichkeiten aus der Schweiz und dem Ausland – Leistungen auf dem Gebiet der mediävistischen Germanistik aus und prämiert im dritten Jahr einen neugermanistischen Beitrag. In Ausnahmefällen kann der Preis auch bereits verdiente Persönlichkeiten der deutschen Literaturwissenschaft für ihr Lebenswerk oder ausserordentliche Leistungen ehren.

 

Gewinnerin Zeno-Karl-Schindler-Preis 2025: Dr. Sina Dell'Anno

Laudatio von Prof. Dr. Ralf Simon

 Von Sina DellʼAnnos Promotionsschrift im Singular zu sprechen, ist eine Untertreibung. Es handelt sich um zwei Bücher, deren jedes preiswürdig wäre. Die Verfasserin spielt zwei Karten, die latinistische und die germanistische – und die Art und Weise, in der sie das tut, führt zu einer Stafette von neuen Erkenntnissen. 

Zuerst: Rekonstruiert und innovativ formuliert wird die Tradition der antiken Satire, damit einhergehend der Gattungsbegriff der Satire selbst. Satire sei nicht vom Begriff der strafenden Satire her zu denken, so lautet die Auskunft. Gemeinhin ist der Satiriker jemand, der die Falschheiten der Welt komisch und in gewollter Übertreibung geisselt. Um dies tun zu können, muss er sich selbst im Besitz einer Richtigkeit, einer Wahrheit wähnen. DellʼAnnos Ausgangspunkt aber lautet: Satire ist Umwendung der satirischen Sprache auf sich selbst, also verkehrte Textualität. An die Stelle fremdreferentieller Orientierung auf die zu strafenden Zustände wird Selbstreferenz gesetzt – und dies schon zu Beginn der Gattungsgeschichte, also bei der römischen Satire. DellʼAnno leitet dies doppelt her, aus den antiken poetologischen Texten zur Satire (Horaz u.a.) und dann aus den Satiren selbst, wobei sie die Gattungsreihe in einer Folge intensiver Exegesen durchgeht. Lucilius, Varro, Horaz, Petron und Capella stehen zur Debatte und werden in genauester Lektüre – natürlich am lateinischen Originaltext – interpretiert, um jeweils eine gefrässige, selbstreferentielle Textualität aufzuzeigen. Bedenkt man die komplexen Selbstexegesen der Texte, ihr umfassendes Wissen von sich selbst, ihre Selbstanwendungs-strategien, dann erwecken diese Satiren den Eindruck, zur fortgeschrittenen Moderne zu gehören. Als latinistische Arbeit wäre der erste Teil dieser Forschungsarbeit schon vollkommen satisfaktionsfähig. Sie entwickelt einen forcierten und avancierten Satirebegriff, eng am Material argumentiert, aber mit allen Wassern fortgeschrittener Literaturtheorie gewaschen. 

Der zweite Teil ist, nach einem Auftakt vor allem zu Baumgarten und Hamann, Jean Paul gewidmet. Auch hier ergeht sich die Thesenbildung nicht in kleinen Segmenten, sondern zielt auf das Ganze. In diesem Fall: Entgegen der bisherigen Meinung, Jean Paul habe nach seinem ersten, den Satiren gewidmeten Schreibjahrzehnt einen Paradigmenwechsel zum Roman, zur Empfindsamkeit und zum Erzählen vollzogen, insistiert DellʼAnno darauf, das Gesamtwerk unter das Vorzeichen der Satire zu stellen. Indem nicht weniger als das umfangreiche Werk dieses komplexen Autors zur Debatte steht, beeindruckt die Promotion durch den konzentrierten und jederzeit auf der Höhe der Forschung befindlichen Beweisgang, der Jean Paul brillant als einen Autor exponiert, der die ganze Registratur der Satire in die literarische Moderne transformiert hat. Der zweite Teil des Buches ist mithin die Um- und Neuschreibung des ersten Teils unter den Prämissen einer anderen geschichtlichen und literarischen Situierung bei dennoch vergleichbarer Grundfigur. Erneut beeindruckt DellʼAnno durch stilistische und intellektuelle Brillanz, durch umfassende Gelehrsamkeit und durch eine jederzeit sichere Urteilskraft. 

Die Promotionsschrift ist im Kontext des Basler SNF-Projekts Theorie der Prosa (2017-2021) entstanden und versteht sich als Beitrag dazu. Prosa wird dann zu einem eigenen Gegenstand, wenn die üblichen Formbegriffe insbesondere der narrativen Gattungen sich als unzureichend erweisen. Sobald forcierte Selbstreferenz die gestalthaften Formen zerstört, unterwandert oder zerlegt, wird die Notwendigkeit evident, einen eigenen Begriff von literarischen Texten, die erst einmal nur und allein Prosa sind, zu entwickeln. Dieses Projekt war und ist anspruchsvoll. DellʼAnno hat mit der Tradition der Satire und mit dem Autor Jean Paul einen Gegenstandsbereich identifiziert, dessen enge Beschreibung zugleich geeignet ist, das Projekt einer Theorie der Prosa voranzutreiben. Dies wäre, nach den beiden ersten grossen Einheiten des vorliegenden Buches, die dritte Konzeptgruppe, durch die zudem das ganze Buch zusammengehalten und in eine enge Konstellation immer wieder reflektierter und vertiefter Bestimmungen zur Prosatheorie gestellt wird. Eine kurze Aufzählung der in Anschlag gebrachten Nomenklatur gibt Aufschluss über das Theoriedesign: Unform, Sprachkritik, Wucherung, Poesie der Grammatik, figura, copia, gespaltene oder pluralisierte Autorschaft, Groteske, Schreibszene, Hypertrophie, poetologische Zerstückelung, écriture-lecture, tropus, Metakritik, Maskenspiel, mehrfache Kodierung, Appendix-Poetik, Witz, Humor, Sprung. Die Liste stellt nur einen knappen Auszug dar. DellʼAnno führt diese Terminologie durch das Buch hindurch, bereichert die Begriffe in den Exegesen und kann so viele Begriffsgeschichten durchführen, die rückwirkend der Vertiefung des exegetischen Geschäfts dienen. 

Man wird sagen können, dass diese Promotionsschrift exzeptionell ist. Schon jetzt lässt sich eine nicht unbedeutende Rezeption ablesen. 

 

Ralf Simon, im November 2025 

 

Frühere Preisträgerinnen/Preisträger

2025: Dr. Sina Dell'Anno (Universität Basel) für ihre Dissertation "›satura‹ – Monströses Schreiben in Antike und Aufklärung". Berlin: De Gruyter, 2023.

 

2024: Dr. Christoph Hössel (Universität Trier) für seine Dissertation »leccia ende lernunga. Die altsächsische Griffel- und Farbstiftglossen der Handschriften Düsseldorf, ULB Ms. B 80 und Ms. F 1 (Leihgaben der Stadt Düsseldorf) aus dem Kanonissenstift Essen und die Überlieferung des Altsächsischen« (verteidigt an der Universität Zürich). 

 

2023: Dr. Laura Velte (Universität Zürich) für ihre Dissertation »Sepulkralsemiotik. Grabmal und Grabinschrift in der europäischen Literatur des Mittelalters« (Bibliotheca Germanica 76), Tübingen 2021.

 

2022: Dr. Cornelia Pierstorff (Universität Zürich) für ihre Dissertation: »Ontologische Narratologie. Welt erzählen bei Wilhelm Raabe.« Berlin 2022 (= Studien zur deutschen Literatur 229).

 

2021: Dr. Stephan Lauper für seine Dissertation »Das Briefbuch der Strassburger Johanniterkommende Zum Grünen Wörth (Strassburg, Archives départementales du Bas-Rhin, Cod. H 2185). Untersuchungen und Edition«

 

2020: Dr. Eva Locher  für ihre Dissertation »Kohärenz und Mehrdeutigkeit. Fallstudien zur Poetik mittelhochdeutscher Sangspruchdichtung am Beispiel Rumelants von Sachsen«  (verteidigt Univ. Zürich, 29/01/2020)

 

2019: Dr. Claudia Keller (Universität Zürich) für ihre Dissertation »Lebendiger Abglanz. Goethes Italien-Projekt als Kulturanalyse«

 

2018: PD Dr. Kathrin Chlench-Priber für ihre Berner Habilitationsschrift »Die Gebete Johanns von Neumarkt und die deutschsprachige Gebetbuchkultur des Spätmittelalters«

 

2017: Dr. des. Richard F. Fasching für seine Fribourger Dissertation »Die vierzig Myrrhebüschel vom Leiden Christi. Untersuchung, Überlieferung, Edition«

 

2016: Dr. Michael Dominik Hagel für seine Neuenburger Dissertation »Fiktion und Praxis. Eine Wissensgeschichte der Utopie 1500-1800« (erschienen Göttingen 2016)

 

2015: Prof. em. Dr. Dr. h.c. mult. Alois M. Haas für sein reiches Lebenswerk und seine Verdienste für das Fach, insbesondere für die Mystikforschung

 

2014: Dr. Nicole Eichenberger für ihre Freiburger Dissertation »Geistliches Erzählen. Zur deutschsprachigen religiösen Kleinepik des Mittelalters« (erschienen Berlin u.a. 2015 als Bd. 136 der Reihe »Hermaea N.F.«)

 

2013: Dr. Magnus Wieland (Schweizerisches Literaturarchiv) für seine Zürcher Dissertation »Vexierzüge. Jean Pauls Digressionspoetik« (Hannover 2013)

 

2012: PD Dr. Stefan Matter für seine Freiburger Habilitationsschrift von 2011 »Reden von der Minne. Untersuchungen zu Spielformen literarischer Bildung zwischen verbaler und visueller Vergegenwärtigung anhand von Minnereden und Minnebildern des deutschsprachigen Spätmittelalters«

 

2011: Dr. Réjane Gay-Canton für ihre Dissertation »Entre dévotion et théologie scolastique. Réceptions de la controverse médiévale autour de l’Immaculée Conception en pays germaniques« (Diss. Genève 2008, erschienen 2011 bei Brepols als Bd. 11 der Reihe »Bibliothèque d’histoire culturelle du moyen âge«)

 

2010: nicht verliehen

 

2009: PD Dr. Sabine Griese und Dr. Robert Schöller

 

2008: Prof. Dr. Walter Haug, postum für sein Lebenswerk in der germanistischen Mediävistik

 

2007: Lucas Marco Gisi für seine Berner Dissertation »Einbildungskraft und Mythologie. Die Verschränkung von Anthropologie und Geschichte im 18. Jahrhundert« (erschienen 2007 bei de Gruyter als Bd. 11 der Reihe »Spectrum Literaturwissenschaft«)

 

2006 an Katharina Mertens Fleury für ihre Freiburger Dissertation »Leiden lesen. Bedeutungen von compassio um 1200 und die Poetik des Mit-Leidens im ›Parzival‹ Wolframs von Eschenbach« (erschienen 2006 bei de Gruyter als Bd. 21 der Reihe »Scrinium Friburgense«)